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BISG Newsroom-Artikel: von der Not zur Tugend - die Entwicklung einer digitalen Lernplattform

Ein Interview mit Oliver Kölsch, Geschäftsführer der Trendtec UG über die Entwicklung einer digitalen Lernplattform und ihr Ersteinsatz in der Corona-Krise.

Insbesondere Familien mit schulpflichtigen Kindern haben sich die letzten Wochen plötzlich und auch sehr intensiv mit der „neuen" Art des Lernes und dessen Organisation beschäftigen müssen. Die neue Situation, aber auch die Instrumente, die die Zeit von geschlossenen Schulen überbrücken sollten, haben viele Mütter und Väter vor neue Herausforderungen gestellt.
Handling, Informationsabruf und -übermittlung, Datenschutz - all diese Themen waren spontan präsent, auch wenn die Möglichenkeiten des Lernens über die Ferne bereits in Bereichen von Fort- und Weiterbildung im Erwachsenenbereich seit vielen Jahren sehr erfolgreich funktionieren.

Oliver Kölsch, selbst Familienvater, wurde ebenfalls mit diesen Themen und deren Hürden konfrontiert. Als Softwareentwickler hat er innerhalb kurzer Zeit eine Lernplattform aufgesetzt, die wesentliche Punkte rund um die Vereinfachung für Anwender in den Vordergrund stellt.

BISG e.V: Als mehrfacher Familienvater hast Du ja die letzten Wochen des Homeschooling sehr intensiv miterlebt. Du beschreibst, dass es eine Herausforderung für die Schüler ist, mit den bereitgestellten Instrumenten zu arbeiten. Wo lagen die großen Schwierigkeiten?

Oliver: Die Herausforderungen in der aktuellen Situation sind sehr unterschiedlich. Zum Einen wird oft das Wort Homeschooling verwendet, auch wenn es sich um Fernunterricht handelt, da ja nicht die Eltern den Unterricht erteilen, sondern die Lehrer aus der Ferne. Zum Anderen werden verschiedenste Medien zum Austausch der Informationen zwischen Lehrern und Schülern verwendet. Es war und ist an vielen Schulen eine ungeordnete und undurchsichtige, insbesondere unstrukturierte Kommunikation. Wie ein Elternteil mir mitteilte, wurde und wird teilweise außer Instagram eigentlich jeder Kommunikationskanal genutzt.

Neben den vielen verschiedenen Wegen, die eine systematische und strukturierte Arbeitsweise erschweren, gab es bei verschiedenen Diensten neben erheblichen datenschutzrechtlichen Bedenken auch immer wieder technische Probleme. Als Beispiel die Begrenzung von Uploads auf 1 MB, was bei modernen Handyfotos völlig unzureichend ist, aber auch, dass Dienste wie die vom Land bereitgestellten Moodle und E-Mail-Server so überlastet waren, dass sie entweder gar nicht funktionierten, oder E-Mails erst nach 2,5h ankamen. Auch wurden und werden Aufgaben scheinbar willkürlich zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten für die Schülerinnen bereitgestellt, es fehlt aber an einer übersichtlichen Darstellung, welche Aufgaben neu zu bearbeiten sind.

Dies ist für Schüler der unteren Klassenstufen nicht selbstständig zu leisten. Sie sind auf die Unterstützung von Eltern angewiesen, was erheblich zu Lasten der Bildungsgerechtigkeit geht. Dabei kann digitales Lernen mit Plattformen sich positiv auswirken, wenn sie einfach und intuitiv zu bedienen sind.

BISG e.V: Du hast also aus der Not eine Tugend gemacht und Dir selbst ein neues Projekt gesetzt. Jetzt muss man ja wissen, dass Du dich selbst seit Jahren mit der Softwareentwicklung beschäftigst. Wie bist du vorgegangen?

Oliver: Ja, richtig, ich bin seit über 20 Jahren in der Softwareentwicklung tätig. Solch ein Projekt ist bei der ersten Idee sehr einfach, entwickelt sich aber durch immer neue Erweiterungen und Anforderungen stetig weiter. Die Komplexität nimmt zu, die Benutzer fragen nach zusätzlichen Funktionen. Erst dann zeigt sich, wie robust die Basisplanung wirklich war.

Deshalb habe ich von Anfang an eine viel größere Anwendung zu Grunde gelegt, bevor ich mit der Entwicklung begonnen habe. Ein solches Projekt besteht im Grunde aus einem mehr oder weniger komplexen Datenmodell und der Abbildung verschiedener Prozesse. Das Datenmodell habe ich derart angelegt, dass es für Erweiterungen offen und sinnvoll strukturiert ist. Es gibt hierarchische Beziehungen, aber auch multiple Verbindungen, da die Verbindung zwischen Klasse, Fach, Schüler und Lehrer im Grunde 4-dimensional ist. Für die Abbildung der Prozesse kommen dann Standardverfahren zum Einsatz.

Um die Anwendung für Schüler (aber auch die Administration) einfach zu halten, war es mir wichtig, den Registrierungsprozess sehr stark danach auszurichten. So erhalten alle einen Schlüssel, mit dem sie sich am System registrieren und so ihren Rollen (Schulleitung, Lehrer, Schüler) sowie ihrer Klasse zugeordnet werden. Somit entfällt die Aufgabe, alle Schülerinnen in das System eingeben zu müssen und Datenpflege betreiben zu müssen. Dies soll den Einstieg in die Plattform erleichtern.

BISG e.V: Was war hier anders im Vergleich zu anderen Entwicklungen, die Du bereits realisiert hast? Insbesondere zu beachten?

Oliver: Durch den Umgang mit personenbezogenen Daten ist jede Lehrerin und jeder Lehrer stets in der Unsicherheit, inwiefern er datenschutzrechtliche Bestimmungen einhalten kann.

Deshalb lag der Fokus bei diesem Projekt auf einer datenschutzkonformen Umsetzung mit dem Ziel, allen Beteiligten ein sicheres Gefühl zu geben.

So wurde zu diesem Zweck eine 2-Faktor Authentifizierung angewandt, um als technische Maßnahme den Zugriff Unbefugter zu unterbinden. Dokumente, die im System von Schülern oder Lehrern verfügbar gemacht werden, sind außerhalb der Plattform nicht zu erreichen, man muss angemeldet sein, um darauf zugreifen zu können. Dies hilft den Lehrern auch dabei, wenn sie Unterrichtsmaterialien verteilen, da das Veröffentlichen von Kopien z.B. sehr stark von der Empfängergruppe abhängt. Dadurch, dass hier nur einer kleinen, vorher bestimmten Personengruppe die Dokumente zur Verfügung gestellt werden, ist dies der Fotokopie im Klassenzimmer gleichzusetzen.

Die größte Herausforderung, und auch der größte Unterschied zu bisherigen Projekten ist mit Sicherheit der finanzielle Aspekt. Die Entwicklung und das Hosting ist in der Basisversion für alle Schulen kostenfrei. Es existieren bereits einige wenige Plugins, für die geringe Gebühren zwischen 5 und 15 € je Schule und Monat erhoben werden, doch sind diese wenn überhaupt zur Deckung der Betriebskosten geeignet. Ich habe auch einen eigenen Jiztsi Server für die audiovisuelle Kommunikation aufgesetzt, die die Lehrer und Schüler rege nutzen.

Das Projekt war aber von Anfang an als ein Unterstützungsprojekt gemeinnütziger Art gedacht, das nicht auf Gewinnerzielung ausgelegt ist.

Als akkreditiertes Aus- und Weiterbildungsunternehmen möchte ich hier eher auf die vielfältigen Möglichkeiten hinweisen, die unsere angebunde Lern- und Bildungsplattform bietet. Hier entstehen mit Experten aus unterschiedlichsten Bereichen Fort- und Weiterbildungsangebote, deren Niveau durch unabhängige Zertifikate gewährleistet werden. Diese Plattform steht sowohl Schülern, als auch Lehrern offen, denn für die Digitalisierung, sowohl an Schulen wie auch in anderen Bereichen, besteht ein sehr großer Entwicklungsbedarf.

BISG e.V: Wie ist das Projekt mittlerweile fortgeschritten? Was ist hier weiter geplant?

Oliver: Die Basisversion ist fertiggestellt, welche alle grundlegenden Funktionen beinhaltet. Dazu habe ich bereits einige wenige Plugins entwickelt, den den Arbeitsablauf mit mehr Komfort aussstatten. Es gibt beispielsweise eine Jitsi Integration, mit der sehr einfach ein Klassenraum erstellt werden kann.

Alle Schüler und Lehrer aus der Plattform können direkt dem „richtigen” Raum zugeordnet werden. Die aktuelle Entwicklung wurde in vielen Rückmeldungen hauptsächlich positiv aufgenommen, es gab aber auch Anregungen und insbesondere Nachfragen, die 2-Faktor Authentifizierung zu umgehen.

Da dies aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich ist, steht aktuell die Entwicklung einer App an. Diese wird als hybride App auf angular.js basieren und so auch als neue WebApp fungieren. Die App wird die 2-Faktor Authentifizierung mittels Tokenaustausch erleichtern und so mehr Komfort in die Benutzung der Plattform bringen. Sie wird für einen sehr geringen einstelligen €-Betrag in den Stores von Apple und Google zu finden sein.

Mittel- und langfristig soll das Projekt durch stetige Optimierungen in ein echtes LernManagementSystem gewandelt werden, welches die einfache Bedienweise nicht aus den Augen verliert.

BISG e.V: Wie bewertest Du die Zeit der veränderten Umständen im Hinblick auf die Entwicklung der Digitalisierung? Wo siehst Du weitere Chancen?

Oliver: Die Krise zeigt eindeutig, dass Digitalisierung notwendig ist. Auch der einfachste Grad der Digitalisierung birgt riesige Potentiale. Diese gilt es zu nutzen - für jedermann. Es zeigt aber auch, dass Digitalisierung Grenzen hat. Zwischenmenschliche Interaktionen lassen sich nicht digitalisieren, das Gefühl eines Klassenverbandes oder einer Sportmannschaft ist nicht digitalisierbar.

Digitalisierung wird das entscheidende Momentum für die weitere Wettbewerbsfähigkeit sein und als eines der autorisierten Beratungsunternehmen im Förderprogramm „go-digital“ des BMWi bin ich treibende Kraft in der Digitalisierung von Geschäftsprozessen und der Erschließung neuer digitaler Märkte. Dabei spielt in erster Linie der Grad der Digitalisierung noch keine entscheidende Rolle, da oft nur der direkte Kontakt durch die Digitalisierung, insbesondere in einer Krise wie dieser, abgebildet werden muss.

BISG Mitgliedsprofil von Oliver Kölsch (Trendtec UG)