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BISG Newsroom-Artikel: A.Herrmann: „Wie Praxis, Lehre und Forschung einander ergänzen“

Wie Software-Engineering-Wissen entsteht

In der Informatik veraltet die Hälfe alles Wissens innerhalb von vier Jahren.
Wo aber entsteht neues? Und wie erfahren Sie davon?

Im Bereich des Software Engineering entsteht jedes Jahr neues Wissen, insbesondere in der Form von neuen oder verbesserten Werkzeugen und Methoden für Modellierung, modellbasierte Programmierung und Testautomatisierung.

Interessant ist daran nicht, dass schon wieder Methoden und Werkzeuge entwickelt wurden, sondern wie gut sie funktionieren und welchen Nutzen sie bringen. Wie entsteht dieses Wissen über Methoden, Werkzeuge und die Erfahrungen damit?

Scrum beispielsweise wurde zunächst in einem einzigen Projekt ausprobiert, wo sich das Vorgehen bewährte, anschließend wurde es publiziert, von anderen nachgeahmt und dadurch verbreitet. Inzwischen geben zahlreiche wissenschaftliche Studien und Befragungen von erfahrenen Praktikern Aufschluss darüber, wo Scrum funktioniert, wo eher nicht, und was bei der Anwendung zu beachten ist.

Vier Hauptakteure müssen zusammenspielen, damit solches Wissen entsteht, gesammelt und verbreitet wird:

  • Entwicklung,
  • Praxis,
  • Wissenschaft und
  • Transfer

Entwicklung: Neue Methoden oder Werkzeuge können in Forschungseinrichtungen oder Firmen entstehen, staatlich gefördert oder selbstfinanziert, durch gezielte Forschung oder durch eine spontane Eingebung.

Der Entwickler testet seine Erfindung selbst in einem oder mehreren Projekten, doch die allgemeine Benutzbarkeit durch Dritte ist damit nicht gesichert. Sein eigenes „Baby“ kann ohnehin niemand objektiv und kritisch beurteilen.

Nehmen wir an, Sie haben ein neues Werkzeug für die Testautomatisierung entwickelt, das Sie selbst ganz besonders intuitiv bedienbar und schick finden. Selbstverständlich, sonst hätten Sie es anders designt.

Als Erfinder suchen Sie nun eine Firma (am besten einen zahlenden Kunden) oder ein Forschungsinstitut, die Ihr Werkzeug ausprobieren, damit Sie anschließend eine positive Referenz veröffentlichen können.

Die Wissenschaft geht bei der Bewertung systematisch vor, die Praxis eher hemdsärmelig und weniger nachvollziehbar. In beiden Fällen entstehen dabei Erfahrungen im Einsatz des Tools. 

Forschungsinstitute erzeugen nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern lesen auch die Publikationen ihrer Kollegen und befragen Menschen aus der Praxis nach ihren Erfahrungen, z. B. durch eine Umfrage oder Interviewstudie. Dieses Wissen werten sie systematisch aus, vergleichen ähnliche Fälle, berechnen Statistiken und ziehen Schlussfolgerungen.

Nehmen wir an, Ihr Werkzeug zur Testautomatisierung wurde von verschiedenen Entwicklungsprojekten in Praxis und Wissenschaft ausprobiert, und es stellte sich heraus, dass es für alle Projekte mit Html-Oberfläche wunderbar funktionierte, während es mit Java-Anwendungen leider regelmäßig Probleme gab, so ist dies aussagekräftiger als ein Erfahrungsbericht aus nur einem einzigen Projekt.

Transfer: Als Erfinder möchten Sie, dass das Wissen über Ihr Werkzeug unter die Leute kommt. Dies geschieht in Form von Vorträgen oder Fachliteratur, aber Sie können auch für Ihr Werkzeug eine Schulung entwickeln, in welche die Erfahrungen aus der Erprobung einfließen.

Allerdings liegt das Interesse eines Forschungsinstituts, das eine vergleichende Studie über Testautomatisierungswerkzeuge erstellt, eher in einer seriösen, objektiven Publikation. Deren Erprobungsergebnisse können für Sie also auch unvorteilhaft ausfallen.

Immerhin erhalten Sie dadurch eine fachkundige Rückmeldung, die Sie bei der Verbesserung Ihres Werkzeugs berücksichtigen können. Und so entsteht ein Wissenskreislauf vom Entwickler über Wissenschaft und Praxis zurück zur Entwicklung.

Dr. Andrea Herrmann